Achtsamkeit – Nicht-Greifen (5. Beitrag)

Nach der Übung des Vertrauens ist

zielNicht-Greifen

der fünfte Grundpfeiler der Achtsamkeit.

Nicht Beurteilen, Geduld, den Geist des Anfängers bewahren, Vertrauen sind Haltungen, die man sich durchaus auch außerhalb von Meditationen vorstellen kann. Beim „Nicht-Greifen“ fällt es mir (noch?) schwer dies außerhalb der Mediation zu üben.

Es geht darum keinem Ziel zu folgen. Die Idee dahinter ist: Greift man zu sehr nach einem Ziel, schränkt das die Wahrnehmungen und Möglichkeiten ein. Man ist nicht in der Lage die Wege und Möglichkeiten völlig zu übersehen. Im Bestreben ein Ziel zu erreichen legt man sich sozusagen schon auf den Weg fest, weil man den Blick für Alternativen nicht frei hat.

Wir sind vermutlich alle darauf programmiert uns Ziele zu setzen, sie im Fokus zu halten und die Hindernisse auf dem Weg dahin aus dem Weg zu räumen. Die Idee des Nicht-Greifens widerspricht unserem Alltagsdenken völlig. Und das macht das Üben schwierig.

seifenblaseGeht man in eine Achtsamkeitsmeditation soll man sich von Erwartungen lösen. Das Bestreben geht dahin, sein eigenes Greifen nach einem bestimmten Ergebnis zu erkennen und sich davon zu lösen. In der Übung ist es so wie es jetzt gerade ist, ok. Fühle ich mich gut ist es genau so gut wie wenn ich mich unwohl fühle.

Wer sich einmal mit Meditation versucht hat kennt es ganz sicher. Die Gedanken gehen spazieren. Sie beschäftigen sich mit Bildern oder Ideen. Das kann man nicht verhindern. Kommt der Gedanke: „Was koche ich gleich?“, dann heißt Nicht-Greifen, dass ich den Gedanken zwar wahrnehme, aber ihn auch wieder gehen lasse. Ich versuche also den Gedanken, was im Kühlschrank ist und was ich daraus machen könnte, erst gar nicht aufkommen zu lassen. Ich versuche wieder zurückzukommen zum jetzigen Augenblick und ihn zu erfahren.

Wenn ich nicht nach einem Ziel greife, so lasse ich der Gegenwart, dem Punkt an dem ich jetzt bin, eine Chance. Dann ist meine Aufmerksamkeit, meine Achtsamkeit ganz im Jetzt.

Eine schöne Aufgabe.

ballons

Wer eine praktische Meditationsanleitung vermissen sollte: Ich binde meine Vorstellungen im Geist an einen Luftballon und lasse ihn in den Himmel steigen. So stiegen die Vorstellungen in die Höhe und zurück bleibt der leere Himmel.

… manchmal jedenfalls.

fotos: Daniel Kummetz; Michael Bührke; Thomas Max Müller / pixelio.de
Alle Beiträge dieser Reihe:
Übersicht – 1 – Nicht-Beurteilen – 2 – Geduld – 3 – den Geist des Anfängers bewahren – 4 – Vertrauen – 5 – Nicht-Greifen – 6 – Akzeptanz – 7 – Loslassen


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  1. Bernd on

    Hallo Lothringer,

    danke für den Beitrag und vor allem für die Erweiterung meines Horizontes 🙂 Statt nicht-greifen nicht-streben einzusetzen hilft mir tatsächlich die Dinge besser zu verstehen.

    Es ist immerhin über vier Jahre her, dass ich den Beitrag geschrieben habe. Schön, noch mal daran erinnert zu werden.

    Die Sitzmeditation ist auch tatsächlich nicht immer die Lösung und es gibt Situationen, in denen sie mich jedenfalls nicht ruhiger macht. Insoweit kann ich Dich sehr gut verstehen, wenn Du schreibst, dass die Meditation zur Pein werden kann. Das passiert auch dann, wenn man glaubt den Mechanismus – hier das Nicht-Streben – verstanden zu haben.

    Es gibt kaum eine andere Lebenssituation in der es mir so bewusst wird, wie stark sich die verstandesmäßige „Erfassung“ einer Situation vom Erleben derselben unterscheidet. Es ist für die Meditation völlig unerheblich, ob ich verstanden habe, was ich da tue. Wenn ich in die Meditation gehe, dann komme ich so oder so damit in Berührung. Die Gefühle, die ich dabei habe kann ich nicht vorhersehen – sie sind da.

    Die Meditation hilft mir bei einem: Diese Gefühle wahrzunehmen – und auch wieder gehen zu lassen und nicht darin stecken zu bleiben. Mal mehr, mal weniger, aber immer spürbar. Und das entlastet mich.

    Viele Grüße

    Bernd

  2. Lothringer on

    Auf Englisch sagt man eher „non striving“ also nicht-streben.

    Ich beginne, sehr langsam zu verstehen, worum es gehen könnte.

    Zum Beispiel leide ich an sehr starken psychosomatischen Schmerzen, die mit depressiven Gefühlen und Gedanken einhergehen.

    Allzuoft werde ich verführt, die Sitzmeditation als eine Lösung zu betrachten, um mich besser zu fühlen.
    Natürlich gelingt es mir nicht mehr, im Gegenteil, je mehr ich danach strebe, desto stärker wird die Pein, und desto frustrierter werde ich.

    Ich habe also meine Haltung geändert: während 10 Minuten werde ich mich immer wieder auf das ein- und Ausatmen konzentrieren, völlig EGAL, wie schlecht es mir gehen kann.

    Ich mache dann die Übung nur mit dem langfristigem Ziel, einen achtsameren Menschen zu werden.

    Und häufig fühle ich mich auf diese Weise paradoxerweise ruhiger.

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