virabhadrasana I – III – drei Helden in einer Übungsreihe

In der eigenen Yogapraxis hat man immer bestimmte Schwerpunkte oder Übungen, die über eine gewisse Zeit die besondere Aufmerksamkeit haben. Bei mir ist es im Moment eine kleine Reihe, die virabhadrasana– den Helden in allen drei Grundformen – umfasst. Im Schema sieht die Reihe so aus (Klick für groß):

virabhadrasana I-III Übungsreihe mit drei Helden

virabhadrasana I-III – Übungsreihe mit drei Helden

Wer geübt ist, mag die Reihe einfach nachüben, sonst mit dem Lehrer des Vertrauens an die Reihe gehen. Auch sollte man etwas mit dem Begriff Vinyasa anfangen können.
Ich praktiziere meist in dem genannten Atemfluss (AA = ausatmen, EA = einatmen, AZ = Atemzug aus Aus- und Einatem). Es steht auch nichts dagegen einzelne Haltungen länger auszudehnen. Ziel und auch der Höhepunkt in diesem karana – der Übungsreihe – ist virabhadrasana III, der Krieger / Held in der Balance auf einem Bein.

Warum diese Reihe – oder warum überhaupt den Fokus auf den Helden / Krieger richten, warum virabhadrasana in so vielen Varianten üben? BKS Iyengar erzählt in „Licht auf Yoga“ die Geschichte zum Namen:

Daksha feierte einst ein großes Opferfest, aber er lud weder seine Tochter Sati, noch deren Mann Shiva, den Obersten der Götter, ein. Sati ging dennoch zu der Opferfeier. Doch da man sie tief demütigte und beleidigte, warf sie sich ins Feuer und verbrannte. Als Shiva das hörte, fühlte er sich herausgefordert, reiß ein Haar aus seinen verfilzten Locken und warf es auf die Erde. Ein großer Held, Virabhadra, erhob sich aus dem dem Boden und erwartete seine Befehle. Es wurde ihm gesagt, er solle Shivas Heer gegen Daksha führen und die Opferfeier stören. Virabhadra und sein Heer erschienen inmitten von Dakshas Versammlung wie ein Wirbelsturm, zerstörten das Opfer, besiegten die anderen Götter und Priester und enthaupteten Daksha. Shiva zog sich im Schmerz um Sati […] zurück und versank in Meditation. …

parivritta virabhadrasana / der gedrehte Krieger oder Held

parivritta virabhadrasana / der gedrehte Krieger oder Held. (c) whatnot / flickr.com

Also ist der Namensgeber dieses asana ein mythischer Held, aus dem Haar von Shiva geboren. Nun ist es nicht jedermenschs Sache, sich als Heldin oder Held im Sinne von klassischen Götterepen zu fühlen. Aber will ich im Leben Held oder Heldin sein, dann bedarf es eines festen Haltes, eine kraftvolle Basis, aus der heraus ich handeln und agieren kann. Und zum Handeln brauche ich die volle Bewegungsfreiheit. Es geht im Helden, in virabhadrasana, darum in der Basis stabil zu sein und oben geschmeidig. Für mich ist in der Reihe immer der gedrehte Held/Krieger, parivritta virabhadrasana eine besondere Herausforderung. Denn hier ist die Beweglichkeit im „Oben“ stark gefragt – und ohne die Stabilität in der Basis geht hier nur sehr wenig.

Was ist denn nun ein yogischer Held oder eine yogische Heldin heute? Wir leben ja nicht mehr in den Göttermythen. Wenn man sich an solche Übungsreihen begibt, dann kommt man auch an bestimmte Grenzen … und wird zur Heldin / zum Helden. Denn mit jeder Übung lernt man mehr von sich kennen. Persönliche Stärken, Durchsetzungsvermögen, Toleranz, mit Grenzen umgehen und respektieren. Das sind Dinge, die man auf der Matte im Umgang mit sich und den asana üben kann. Und die dann im Leben den yogischen Helden und die yogische Heldin ausmachen.

Schaut man die Übungen an, dann wird auch schnell deutlich, dass sie immer wieder „um den Bauch drehen“. Der Fokus kann auf die Körpermitte gelegt werden. Die Basis wird stabil gehalten, der obere Körper kann agieren und die Körpermitte vermittelt. Immer wieder strecken und dehnen wir in den Übungen bis hin zu leichteren Rückbeugen. Hier wird der Herzraum angesprochen. Fundament und Stärke sind nichts, wenn nicht das Herz mitspricht und unsere Handlungen mit Sinn füllt.

Mit einer stabilen Basis und der Kraft der Mitte wird es möglich aus der Weite des Herzens zu handeln.

Wenn man die Heldenreihe übt, dann wird auch das Gleichgewicht trainiert. Im weiten Ausfallschritt mit dem tiefen Körperschwerpunkt wird die Kraftausdauer trainiert. Die Hüftgelenke sind asymmetrisch gefordert und je tiefer ich in die Übungen gehe, desto mehr muss die Haltemuskulatur im Hüft- und Beckenbereich arbeiten und stabilisieren. Und ähnlich viel Kraft müssen Bein- und Fußmuskeln aufbringen und entwickeln, je mehr ich in diese Übungen gehe.

Wenn ich mich im stabilen Gleichgewicht des Zweibeinstandes sicher fühle, dann läd mich der dritte Held, virabhadrasana III ein, die relative Sicherheit des Zweibeinstandes zu verlassen. Ich komme in ein neues, labileres Gleichgewicht. Das auf einem Bein. Das verändert alles. Denn die Basis kommt jetzt nicht mehr nur aus meiner Stärke in den Beinen, sondern ich muss mich darauf verlassen, dass meine Balance mich hält. Nur wenn ich dynamisch und flexibel bin, kann ich in der Übung bleiben.

Hier erlebe ich die Reihe noch einmal besonders intensiv. Denn es gibt Tage, da geht das mit dem Gleichgewicht gar nicht. An anderen Tagen hebt sich das hintere Bein ganz leicht und ich wundere mich, dass es Tage gibt, an denen ich meine Helden aus der Sicherheit des Zweibeinstandes halten muss.

In solchen Übungen liegt viel an Erleben, wenn man sich dafür öffnet. Wenn man die schwerste Yogaübung schafft und die Matte ausgerollt hat und in die Praxis geht, dann tut man gut daran nicht nur die Atemzüge zu zählen oder die Körperausrichtung zu verbessern. Das ist je nach asana durchaus auch wichtig, aber wichtiger ist herauszufinden, wie eine Haltung zu einem selber spricht. Nur dann kann aus der Übung auf der Matte etwas werden, dass auch ins Leben hinein wirkt.

6 thoughts on “virabhadrasana I – III – drei Helden in einer Übungsreihe

  1. Hallo Eva,

    danke für den Kommentar und die Rückmeldung. Es freut mich sehr, wenn ich Feedback bekommen. In diesem Fall und Sinnzusammenhang ganz besonders.

    Viele Grüße

    Bernd

  2. Hallo Bernd,

    habe schon lange die Idee die Krieger in einer Reihe im Detail zu unterrichten. Ich lebe in Frankreich und nach diesem traurigen Wochenende werde ich es tun. Du hast mich sehr inspiriert mit deiner Beschreibung

    „Fundament und Stärke sind nichts, wenn nicht das Herz mitspricht und unsere Handlungen mit Sinn füllt.“

    Vielen Dank dafür.

    Namasté Eva

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  4. Bernd on

    Hallo Eleni,

    der gedrehte Krieger/Held aka reverse warrior steht der Strichmännchenreihe an vierter Stelle oder als parivritta virabhadrasana im Foto im Beitrag. Virabhdrasana III ist die „Standwaage“, letztes asana in der Strichmännchenreihe.

    Viele Grüße
    Bernd

  5. Eleni on

    Ist diese Asana Virabhadrasana III der sgnt. Reverse Warrior???

  6. Pingback: Zur Übungspraxis des Yogalehrers – der Anfängergeist | Im Alltag leben Blog

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