Mit Fragen umgehen

Es ist keineswegs so, dass ich den ganzen Tag durch die Gegend laufe oder vor weißen Wänden sitze und über die existentiellen Fragen des Lebens sinniere. Auch wenn es im Moment so scheinen könnte und auch zum Fastenthema 7 Wochen ohne auf diesem Blog passt. Gerade beim letzten Wochenende bin ich über die Arbeit für die DCCV mit vielen Fragen konfrontiert worden.

Der Laden läuft

foto: Gerd Altmann / pixelio.de

Bei einem Arbeitstreffen im wunderschönen evangelischen Erfurter Augustinerkloster mit den Arbeitskreisen der DCCV ging es sehr um Zukunftsfragen. Wie weiter in der Arbeit für und mit Betroffenen mit chronischen Darmentzündungen. Das ist sehr konkret und hier geht es um klare Antworten die zu ebenso klaren Zieldefinition führen müssen, wenn auch in Zukunft die Arbeit gelingen will. Es war bei diesem Treffen allen Beteiligten klar, dass es hier auch um Führung geht. Diskussionen ein Ziel haben und sachlich geführt werden müssen. Der Platz für Emotionen ist gering.

Und wenn ich dann in die Yogapraxis gehe, scheint alles anders zu sein? Hier suche ich gar nicht mal immer die konkrete Antwort. In meiner spirituellen Praxis sind klare Antworten eher die Ausnahme. Wenn ich meinen eigenen Beitrag von vor ein paar Tagen über die existentiellen Fragen lese, drängt sich schon fast der Eindruck auf, dass mir Antworten zuwider wären.

Der Eindruck (be)trügt 🙂 ! Jede Praxis, ob Yoga in Bewegung oder bewegungslose Meditation, will ja auf den Grund kommen. Es geht immer darum, dass die Dinge zusammen kommen. Die körperliche Bewegungspraxis arbeitet daran sich selbst vorzubereiten und einzustimmen auf die Meditation oder kann sogar selbst die Meditationspraxis werden. Die Meditation bündelt den Geist auf einen Punkt oder übt die Pausen zwischen den Gedanken zu erweitern. Wie auch immer die Praxis ausgestaltet ist (die Trennung in Meditation und körperliche Praxis ist ohnehin fragwürdig), sie zielt auf ein tieferes Verstehen.

Aber normalerweise geht man nicht in die Praxis um eine ganz bestimmte Frage zu beantworten. Von meinen Schülern höre ich ganz unterschiedliche Motive, warum sie Yoga machen wollen. Ruhiger werden, Stress abbauen, was gegen die Rückenschmerzen tun, Verspannungen lösen sind so typische Motive zur Praxis, die mir begegnen und genannt werden. Also relativ konkrete Problemkreise.

Sehr viel seltener sind weitere Motive wie Trauer oder eine Trennung überwinden oder die Erwartung von Hilfe in massiven Krankheits- oder Stresssituationen und Burnout. Aber nie hat mir ein Yogaschüler gesagt, dass Yoga ihm die Frage beantworten soll warum Gott Leid zulässt, oder warum die Welt vorhanden ist oder wie Erleuchtung zu erlangen ist (das hört man gelegentlich schon mal in Meditationskreisen). Komischerweise ist aber Yoga genau dazu geschaffen. Und selbst wenn Menschen am Anfang des Yogaweges diese zentralen Fragen nicht an den Yoga stellen. Begibt man sich auf den Yogaweg kommen sie früher oder später. Und vielleicht stellt man sie dann auch dem Lehrer.

Gleichgewicht finden

foto: Rainer Sturm / pixelio.de

Hat Yoga also die Antwort?

Nein! Jedenfalls nicht als klarer Satz als Reaktion auf ein Problem. Die Antwort des Yoga zu den drängenden spirituellen Fragen ist Yoga selber. Yoga macht den Geist frei. Das ist das entscheidende Wesen von Yoga. Die Yogasutren des Patanjali sind klar. „Dabei ist das aus der Meditation [= Yogapraxis] geborene Bewusstsein frei von Resten der unterbewussten Eindrücke“ (Sutras 4,6), was nichts anderes sagt, dass die Freiheit darin liegt, dass man nicht beeinflusst ist von irgendwelchen äußeren und inneren Einflüssen oder Gefühlslagen. Und die Sutren stellen auch fest (4,18): „Eine Sache wird erkannt oder nicht erkannt, je nach der Leidenschaft (oder der Färbung) des Denkens (durch den Gegenstand)„. Was meint, dass es unsere Stimmungen und Sichtweisen sind, die normalerweise unser Erkennen beeinflussen. Erst wenn wir das alles überwinden, also zum reinen Erkennen ohne äußere Einflüsse kommen, dann kommen die echten und wahren Antworten zum Vorschein. Das umschreiben die Sutras dann als eine Vorgang, in dem das Bewusstsein allumfassend wird (Sutras 4,23).

Und nun? Wenn die Erkenntnis des Yoga im Yogaweg selber liegt und Bewusstsein nur im Zustand der Meditation allumfassend wird, hat dann Yoga etwas beizutragen? Kann Yoga helfen bei zielorientiertem und effektvollem Handeln im Job? Die Frage beantworten warum Atomkraftwerke eine zerstörerische Kraft bislang nicht vorstellbaren Ausmaßes entwickeln dürfen, weil Gott das offenbar zulässt?

Ja, Yoga kann. Weil man genau diese Fragen nicht mehr zu beantworten sucht bzw. sich immer bewusst ist, dass jede Antwort nur eine Momentaufnahme ist. Yoga macht mich frei die Antwort zu wählen und zu akzeptieren, die meinem jetzigen Stand des Wissens und meiner persönlichen Entwicklung entspricht.

Was das ganz praktisch bedeutet möchte ich in einem kommenden Beitrag versuchen zu klären.

9 thoughts on “Mit Fragen umgehen

  1. usha gabel on

    hallo bernd,
    zufällig habe ich deine hompage gesehen.ich bin beeindruckt. machst du irgendwelche
    kurse ? oder fasten seminare ?gruß usha

  2. Guten Morgen Bernd,

    danke für den nächtlichen Vortrag, den ich übrigens nicht als solchen empfinde, weil ich das, was du schreibst ganz genauso sehe.

    Eine gesunde Ernährungsweise, wenn auch nicht verbissen vegetarisch und alkolfrei, einmal jährlich Fasten und regelmässig Sport, wenn auch nicht mit großer Begeisterung, (die größte Überwindung ist bei mir, ähnlich wie bei dir, das Schnüren der Schuhe) halfen auch mir die Medikamentendosis zu reduzieren. Ganz ohne geht es leider nicht – noch nicht. Vielleicht ginge es auch ohne, mag sein, aber da gilt es halt für mich gut abzuwägen, wie ich meine verbleibende Lebenszeit gestalten will.

    Herzliche Grüße
    Christa

  3. Bernd on

    Hi Christa, den Begriff „alternative“ Methoden bei gesundheitlichen Beschwerden hat für mich immer einen schwierigen Beigeschmack. Ich habe einfach zu oft großes Leid gesehen, weil Menschen notwendige und sinnvolle Behandlungen verweigert haben. In der irrigen Annahme, dass es bei bestimmten Problemen Heil(ung) außerhalb einer schulmedizinischen Behandlung gibt. Bei ernsthaften Erkrankungen sind Medikamente ganz oft die einzige Möglichkeit einer schnelle Hilfe. Ich bevorzuge den Begriff – und auch die reale Nutzung – von komplementären Methoden. Also in Ergänzung einer gut begründeten normalen medizinischen Intervention.

    Das kann sehr erfolgreich sein. Mein eigener Weg ging so von der Prognose lebenslange recht heftige Medikamente nehmen zu müssen zu schwächeren und heute fast völliger Freiheit von Medikamenten. Mein Bruder ist wegen Rückenbeschwerden schon lange arbeitsunfähig und auf EU-Rente. Selber hatte ich als junger Mann eine sehr viel ungünstigere Prognose und habe seit Jahren (genauer: seit körperlicher Yogapraxis) keine Probleme mehr damit.
    Eine drohende medikamentöse Behandlung wegen Bluthochdruck habe ich mit Fasten und einem Antistressprogramm im letzten Jahr abwenden können. Es kann durchaus sein, dass ich wegen familiärer Vorbelastung irgend wann doch medikamentös einsteigen muss. Aber für den Moment konnte ich das abwenden. Darüber bin ich sehr froh. Kein Medikament ist ohne Nebenwirkungen.

    Übrigens auch Entspannungstechniken und Yoga nicht. Das sind Nebenwirkungen spiritueller Art. Die Leber schädigt es aber nicht 😉

    Der Trick ist, dass für sich Richtige zu finden und dann konsequent durchzuziehen, aber das richtige Augenmaß zu behalten und auch die Grenzen einer Methode zu akzeptieren. Wunder gibt in es in Fatima oder vom Guru der eigenen Verblendung, im realen Leben eher seltener.

    Sorry für den Vortrag, aber bei dem Thema kann ich die Füße schlecht ruhig halten 😉

    Viele Grüße

    Bernd

  4. Danke Bernd für die Mühe und die prompte Antwort. Auch wenn ich mich derzeit nicht traue ganz ohne Medikamente zu leben, so werde ich weiterhin nach alternativen Methoden suchen und mich mit diesen beschäftigen. Und dazu gehört auch Yoga. Danke nochmals.

  5. Hallo Christa,

    selber habe ich mich Hormonyoga noch nicht praktisch befasst und muss ein wenig den Theoretiker geben.

    Das, was ich weiß: Hormonyoga wurde von Dinah Rodrigues „erfunden“. Es ist eine Praxis, die teilweise auf Übungsweise z.B. des Kundalini-Yoga aufbaut, also durchaus „klassische“ Wurzeln hat. Innere Massage der Organe durch entsprechende Übungen und intensive Atempraxis gehören dazu. Das Ziel ist es die Organe und Drüsen und hier insbesondere die Geschlechtsdrüsen zu aktivieren und zu stärken. Dabei ist die Übungsweise durchaus kraftvoll und wegen des Einsatzes von bestimmten Übungsweisen die den Atem beeinflussen sollte der Lehrer wissen, was er da anleitet.

    Von Dietrich Ebert, einem Arzt der viel naturwissenschaftlich exakt über physiologische Auswirkungen von Yoga geforscht hat, habe ich bei einem Vortrag gehört, dass sich eine direkte Auswirkung etwa einer einzelnen Yogaübung auf die „Drüsen“ nicht nachweisen lässt. Insoweit arbeitet aus meiner Sicht Hormonyoga naturwissenschaftlich betrachtet etwas im luftleeren Raum. Es ist im Yoga aber oft so, dass die naturwissenschaftliche Erklärung von Fakten nicht immer stimmig ist – aber trotzdem ein vernünftiges Resultat heraus kommt.

    Die Übungsweise macht Sinn, weil sie sehr genau an den Punkten ansetzt die etwa in den Wechseljahren Probleme machen. Sie wirkt z.B. ausgleichend bei Stimmungsschwankungen, aktiviert wo nötig und fährt da herunter, wo es ein „Zuviel“ gibt. Über die allgemeinen Effekte auf Körper und Psyche kann es übrigens dann doch wieder auch positive Effekte auf den Hormonhaushalt geben. Da schließt sich dann der Kreis wieder.

    Es ist eine gute und zielgerichtete Praxis die Sinn macht!

    Eine nette Übersicht findet sich z.B. hier

  6. *lach* Bernd jetzt fällt mir doch so ein alter Spruch ein: „Die Schönheit liegt im Auge des Betrachters“. 😉

    Da ich Yoga noch nie praktiziert habe, kann ich mir darüber kein Urteil erlauben.

    Die Schwierigkeiten kenne ich aber sehr genau. Ähnlich geht es mir mit meinen Sportstunden im Studio. Dort wird übrigens auch Yoga angeboten aber hingezogen hat es mich in diese Kurse noch nie.
    Ich mag vielleicht falsch liegen aber ich vermisse in diesen Gruppen das, was mir an deiner Art Yoga zu vermitteln gefällt. In den Kursen findet zwar Körperarbeit statt aber mehr kommt nicht bei mir an und das ist mir zu wenig.

    Was mich aber interessiert ist „Yoga für die Hormone“. Meine Frauenärztin hat mich darauf aufmerksam gemacht. Wenn du dazu etwas sagen kannst oder einen weiterführenden informativen Link hast würde mich das freuen.

  7. Hi Christa, tatsächlich gibt es nichts Schöneres als Yoga 😉

    Dem Ausprobieren steht auch nichts entgegen. Die schwierigste Yogaübung ist es ohnehin, die Matte auszurollen und anzufangen … Jeden Tag wieder aufs Neue!

    Sach ma‘ Bescheid, wenn Du anfängst. In einem Kurs bekommst Du einen Eindruck über die (körperliche) Praxis in der VHS deiner Wahl. Hier kannst Du leider nur ausprobieren, welcher Stil zu Dir passt. Wenn Du mehr über die Hintergründe wissen möchtest, wird es etwas schwieriger einen passenden Lehrer zu finden, aber das ist lösbar. Manchmal ist es tatsächlich die oder der vom Kurs in der VHS, aber leider nicht immer. Den Rest ergibt sich dann.

    Im Moment schreibe ich wieder „auf Probe“ als Projekt in der Fastenzeit. Es macht nach wie vor erhebliche Freude. Mal sehen wie es weitergeht. Aber ich würde mich selber freuen, wenn es hier weiter frische Gedanken über Yoga gibt, die es sonst im Netz so nicht zu lesen gibt.

    Viele Grüße

    Bernd

  8. Hallo Bernd,

    mit Freude habe ich nach meinem dreiwöchigen Urlaub festgestellt, dass du wieder schreibst. Deine Beiträge habe ich geradezu „verschlungen“. Gott sei Dank bleibt diese „Nahrung“ nicht als Hüftspeck auf den Rippen.

    Das Augustinerkloster ist wirklich traumhaft schön. Ich war vor einigen Jahren mit unserem Kirchenchor dort. Und was deine Beiträge über Yoga angeht…. du machst richtig Lust darauf es einmal auszuprobieren, so als gäbe es nichts Schöneres im Leben als Yoga 😉

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