Hingabe – nur ein altes Wort?

spiegelbildAls ich mit dem Wort „Hingabe“ konfrontiert wurde, musste ich mir die Bedeutung erst wieder ins Bewusstsein bringen. Im Alltagswortschatz – wenn überhaupt – kennt mensch es eher in einem sexuellen Zusammenhang. „Sich hingeben“ als sich (sexuell) völlig überlassen. Im Zusammenhang mit einem Leben im Alltag oder außerhalb einer sehr intimen Beziehung scheint Hingabe also erstmal nicht der völlige Hit zu sein.

Als Yoga übender Mensch sieht man natürlich gleich bei Patanjali nach. Und wird in Vers I.23 auch fündig. isvara-pranidhanad heißt es da. Also in der Übersetzung: „Durch die Hingabe an Gott (kommen die seelisch-geistigen Vorgänge zur Ruhe)“. Das klingt jetzt nicht sehr sexuell, sondern da wird der Blick auf das Göttliche gerichtet, was uns Ruhe bringen kann. Aber das erleichtert vermutlich für viele von uns das Verständnis auch nicht gerade.

Also was steckt dahinter, wenn ich mich mich z.B. einer Tätigkeit mit Hingabe widme? Oder, besser, was sollte dahinter stecken?
Hingabe ist verbunden mit dem Schauen und Kontaktaufnehmen mit den Dingen hinter der Fassade, denn das göttliche ist nie Fassade sonder ganz echt und wahr. In dieser Sichtweise ist Hingabe eine klare, ruhige, wache Wesensschau. Diese Wesensschau äußert sich dann z.B. als Mitgefühl im normalen Leben. Dabei ist weniger Mitleid gemeint im Sinne von sentimentalen Äußerungen, die an der Oberflächen bleiben, sondern das tiefe emotionale Verstehen der Situation des anderen. Im so entstandenen Mitgefühl begreife ich, was den anderen bewegt … das ist die wache, klare und ruhige Schau des Wesens meines gegenüber.

ornitogalumIn dieser yogischen Sicht von Hingabe steckt also nichts von diesem Alltagsbegriff von Hingabe. Es geht nicht um das völlige Aufgeben eigener Befindlichkeiten, sondern um das klare Sehen, das bewusste Verbinden mit den Dingen, die mich umgeben. Das Ziel des Yoga ist immer die mentale Ruhe die aus einer umfassenden Wirklichkeitsschau heraus kommt. Und dabei ist jede Übung, jedes Beschäftigen, jeder kleine Fortschritt im Yoga ein Baustein, der näher an dieses Ziel bringen kann.

fotos: YariK, mediascapes / aboutpixel.de


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  1. Bleikeu on

    Hingabe steht auch im Christentum an erster Stelle. Die Hingabe in Liebe an Gott und die Menschen. Jesus hat sich hingegeben dem Willen des Vaters.Hingegeben für die Menschheit.Hingabe (sein Ego vergessen).

  2. Dieter on

    Hallo!

    Danke das du dich mit uns teilst.
    Deine Worte haben mich einiges besser erkennen lassen.
    Danke dafür.

    Mein Leben ist und war geprägt von „bedingter Liebe“. Ganz real, am Alltag gemessen, habe ich Hingabe als Liebe ohne jede Bedingung erfahren.

    Alles Liebe

    Dieter

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  4. Hallo Zentao,

    ich denke die Wege der Meditation unterscheiden sich in den Grundlagen nicht wesentlich. Es sind eher die Wege der Praxis, die anders ausfallen – z.T. wohl auch die Begriffe, da bin ich aber nicht belesen genug um das wirklich beurteilen zu können. Das Schöne am Yoga ist allerdings, dass es im Yoga selber schon so viele Möglichkeiten gibt, dass der einzelne Yog(i)a(weg) für sich nicht den Anspruch von Allgemeingültigkeit erheben kann. Das ist sehr befreiend 🙂

    @ Nora
    es ist tatsächlich so, dass es bei solchen Überlegungen zu bestimmten Begriffen weniger darum geht, es richtig zu sehen. Letztlich geht es darum eine eigene innere Haltung dazu zu bekommen. Da ist es sehr nützlich sich damit zu beschäftigen. Vor allem wenn solche Begriffe auf einen selbst hinweisen. Bei Dir scheint es mir, geht es in die Richtung des Loslassens und des Vertrauens. Ganz wichtige und auch sehr schöne Empfindungen.

    Solche hier niedergeschriebenen Überlegungen und Empfindungen dienen dem Einstieg in eigene Überlegungen und eigenen Meditationen. Ich denke schon, dass die alten Yogis und auch unsere heutigen Lehrer viele Dinge wissen, die wir als noch nicht Fortgeschrittene noch lernen müssen. Aber eines können uns die Schriften, Texte und Lehren nicht abnehmen.
    Es geht immer um die ganz praktische Erfahrung, die man damit macht. Das, finde ich, ist das Spannende an der Sache und das kann man nicht „gelehrt“ bekommen.

    Liebe Grüße

    Bernd

  5. Lieber Bernd,

    immer wieder interessant, wie verschieden Menschen wahrnehmen und denken. Ich z.B. habe bei dem Wort „Hingabe“ weder ein altes Wort, noch ein Alltagswort, noch einen sexuellen Zusammenhang im Sinn. Auch keine Verwandtschaft mit „Aufgeben“.
    Für mich ist es etwas von Geschehen lassen, vertrauen, etwas und mich selbst loslassen. Es findet in Augenblicken statt.
    Schön, dass Du mich heute an „Hingabe“ hast denken lassen 😉
    Liebe Grüße
    Nora

  6. Sehr schön wie Du das aus der Sicht des Jogas erklärt hast, aber das ist nicht nur im Joga so, auch im Zen,und in vielen anderen Meditationsformen auch. Wenn ich achtsam beobachte, in diesem Moment, mir selber bewusst bin, dann kann Hingabe geschehen. Hingabe geht nicht mit wollen, Hingabe geschieht aus dem tun oder auch nicht tun. Wenn das geschieht habe ich meine Kontrolle aufgegeben, mich hingegeben und geschehen lassen.
    Liebe Grüsse zentao

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