Die Praxis der Individualität im Prasada Yoga – zu Sutra IV.15

Das Sutra 4.15 gehört sicher zu den „unbekannteren“ Yogaaphorismen des Patanjali. Und doch ist die hier getroffene Aussage sehr zentral für die Yogapraxis. Es geht um folgendes:

vastusamye chitta bhedat tayorvibhaktah panthah
Altmeister B.K.S. Iyengar(*) hat diese Stelle einmal so übersetzt:
Gemäß ihrer unterschiedlichen Bewusstseinslage können die Menschen den gleichen Gestand verschieden betrachten, obwohl das Objekt immer dasselbe bleibt.

Nicht nur im Prasada Yoga ist diese Individualität wie Menschen die Welt sehen und darin zurecht kommen ein zentraler Punkt, den ich hier beleuchten möchte.

Klares Glasstück auf Betonplatte

foto: idenwen / flickr.com


Die Aussage der Sutra ist recht klar und ziemlich einleuchtend. Jeder von uns hat seine eigenen Erfahrungen, Erlebnisse, Geschichte (in der Yogaphilosophie kann man das auch als samskaras benennen, so werden die oft sehr hartnäckigen „Spuren“ und tiefen Hinterlassenschaften unserer Erfahrungen in uns selber genannt), Vorlieben etc. die zu einer sehr individuellen Sicht des Lebens führen. Der Begriff Objekt oder Gegenstand darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass im Yoga auch Gefühle, Emotionen und Gedanken zur gegenständlichen Welt gehören, die demnach den gleichen Gesetzten bei der Wahrnehmung unterliegen.

Buddha Zeichnungen auf Felsen

foto: Jessica Feis / flickr.com

Wenn ich also einen Stein – das Objekt – betrachte, dann mache ich das mit meiner ganzen Geschichte und Erfahrung. Das prägt meine Sicht dieses Steins. Vielleicht kenne ich den Namen des Minerals aus dem er ist, oder finde die Farbe schön … was auch immer. Niemand anderes hat die selbe Geschichte und kann darum den Stein genau so sehen, wie ich ihn sehe. Meine eigene Sicht der Dinge, meine eigene Erfahrung macht den Stein einmalig.
Das selbe gilt in vielleicht noch viel größerem Maße für ein Gefühl – ebenfalls ein solches Wahrnehmungsobjekt. Das finde ich oft sogar sehr schön. Niemand anderes kann ganz genau so lieben wie ich. Eine wunderbare Vorstellung.

In der körperlichen Praxis des Yoga hat das die Konsequenz, dass niemand die selbe Praxis machen sollte. Jeder Mensch braucht aufgrund seiner Geschichte, seines individuellen Körpers, seiner momentanen Gefühlslage eigentlich etwas sehr eigenes. Es ist im Kursunterricht immer sehr spannend, wie man es als Lehrer schafft neben einem Gruppengefühl, das wichtig ist für einen gemeinsamen Fluss in der Praxis ist, trotzdem die Teilnehmer zu ermuntern zu ihrer eigenen momentanen Lage zu stehen und individuell zu bleiben. Es ist sogar zentral um z.B. im Extremfall Verletzungen zu vermeiden, was sehr leicht passieren kann, wenn ich diese Erkenntnis und das Bekenntnis zur Individualität ignoriere.

To move the world wie must first move ourselves

foto: Vanessa Marie Hernandez / flickr.com

Im Leben neben der Matte bleibt diese sehr individuelle Note bestehen. Wenn mehrere Personen an einer bestimmten Situation beteiligt sind, dann ist diese für jeden anders. Und wichtig im Sinne dieser Sutra: Sie ist für jeden in diesem Anderssein gleichzeitig auch richtig! Wenn das zu Missstimmungen oder problematischen Situationen führt, kann man sich darüber austauschen, wie die Wahrnehmungen sind. Vielleicht hat ja jemand etwas falsch verstanden, Signale anders gedeutet oder was auch immer. In vielen Situationen kommt man schon ganz automatisch zu einer sinnvollen Übereinkunft über diese Situation.

Problematisch wird, es wenn man in Situationen gerät, in denen man sich nicht darauf einigen kann, wie man eine bestimmte Situation sehen und damit umgehen kann. In Beziehungen taucht so etwas häufiger auf. Zwei Menschen kommen in einen Konflikt und können sich nicht einigen, wie sie damit umgehen können. Und gleichzeitig muss man sehen, dass beide aus ihrer Sichtweise heraus „Recht haben“. Gerät man in so eine Situation, dann geht man oft in die Aggression. Wenn ich Recht habe, dann unterstelle ich einfach, dass eben der andere Unrecht haben muss. In so einer Situation eventuell zu sehen, dass auch die Gegenpartei „Recht“ haben könnte, kann ich oft nicht wahrnehmen.

Eigentlich – in der idealen, heilen Welt – ist so ein gar nicht seltener Konflikt der ideale Übungsplatz, sich darin zu versuchen
a) mein Gegenüber und seine Sichtweise zu verstehen und …
b) die Grundlagen meiner eigenen Sichtweise zu überprüfen und zu verstehen(!).
Das ist auch die yogische Sichtweise und praktische Handlungsanweisung, die ich aus dieser Sutra ableite.

Für meine eigene Praxis gehe ich in den Anspruch, mich genau daran zu üben, ohne dabei schon bei der Meisterschaft angelangt zu sein. Unter den vielen Facetten des Prasada Yoga ist das Bemühen um Klarheit mit zentral. Und gemeint ist hier auch die Klarheit zu erkennen und zu bewerten, was im Moment denn „richtig“ im Sinne für die Situation passend ist.

(*) Urquell des Yoga. Die Yoga-Sutras des Patanjali – erschlossen für den Menschen von heute. B.K.S. Iyengar, mit einem Vorwort von Yehudi Menuhin. – 1. Aufl. 1995 (Otto Wilhelm Barth Verlag).

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