Eine Geschichte: Der Weg zur Erleuchtung

Gerade bei Zentao gesehen, möchte ich die Geschichte auch hier weitergeben:

Mann mit Sack

foto: adstream / flickr.com

Milarepa hatte überall nach Erleuchtung gesucht, aber nirgends eine Antwort gefunden, bis er eines Tages einen alten Mann langsam einen Bergpfad herabsteigen sah, der einen schweren Sack auf der Schulter trug.


Milarepa wusste augenblicklich, dass dieser alte Mann das Geheimnis kannte, nach dem er so viele Jahre verzweifelt gesucht hatte. »Alter, sage mir bitte, was du weißt. Was ist Erleuchtung?«
Der alte Mann sah ihn lächelnd an, dann ließ er seine schwere Last von der Schulter gleiten und richtete sich auf.
»Ja, ich sehe!« rief Milarepa. »Meinen ewigen Dank! Aber bitte erlaube mir noch eine Frage: Was kommt nach der Erleuchtung?«


Abermals lächelte der Mann, bückte sich und hob seinen schweren Sack wieder auf. Er legte ihn sich auf die Schulter, rückte die Last zurecht und ging seines Weges.

Jetsün Milarepa (* 1040; † 1123), war ein tantrischer Meister und Begründer der Kagyü-Schulen des tibetischen Buddhismus. Er war der tantrische Yogi, der die Mahamudra-Übertragungslinie Marpas weiterführte. Er gilt als einer der größten Yogis und Asketen Tibets. Darüber hinaus gilt er auch als größter Dichter Tibets. wikipedia

Erleuchtung ist im Moment in meiner Meditationsgruppe ein wiederkehrendes Thema, wenn es darum geht zu verstehen, warum man überhaupt solche spirituellen Übungen wie Meditation macht. Es geht – wie in jeder Yogapraxis auch – letztlich immer darum, „Erleuchtung“ zu erlangen.

Und abgesehen davon, dass – obwohl die Erleuchtung in vielen Schriften genauestens beschrieben wird, da geht es der Erleuchtung wie den Beschreibungen des Paradieses, das auch niemand wirklich kennt – niemand so wirklich weiß, was denn jetzt die Erleuchtung wirklich ist, ist eines sicher. Es gibt etwas nach der Erleuchtung, dass nicht so sein kann wie die Erleuchtung selber. Und mir gefällt das Bild des schweren Sackes ganz besonders. Nach der Erleuchtung ist der Alltag wieder ganz normal da.

9 replies on “Eine Geschichte: Der Weg zur Erleuchtung”

  1. Ich danke Ihnen für den interessanten Beitrag. Der Weg zur Erleuchtung ist wirklich lang und beschwerlich. Jedoch sollte das nicht davon abschrecken spirituell zu leben. Insgesamt ist das eine Bereicherung.
    Beste Grüße,
    Sebastian

  2. Bernd on

    … natürlich auch ein mögliches Bild 🙂

    Viele Grüße

    Bernd

  3. Schmidtke on

    „Befreiung inmitten der Gefühle“? Das ist ein Orgasmus (sicher auch eine Form der Erleuchtung).
    Peggi

  4. Tom B. on

    Schöne Geschichte. Die Erleuchtung wird nicht gesucht, sie findet.

  5. Ich denke, ein erleuchteter stellt sich die Frage gar nicht mehr, ob er nun erleuchtet ist oder nicht. Man spürt es einfach. Erleuchtung ist für mich nichts anderes, als die Angst zu verlieren. Angst vor dem Tod und der Zukunft. Und ein rundum positives Denkmuster. Naja, eigentlich habe ich keine Ahnung, aber so stelle ich mir das vor.

  6. Bernd on

    … vielleicht ist gerade das kleine Lichtlein schon die Erleuchtung?

    Ehrlich gesagt kann ich mir unter „Erleuchtung“ nicht wirklich etwas konkretes vorstellen. Vielleicht ist es sogar nur die Sehnsucht sich einem bestimmten Ziel anzunähern, dass wir gar nicht so ganz genau kennen? So eine Art geistiges gelobtes Land, zu dem man hinpilgert. Die Israeliten haben ja wohl 40 Jahre gebraucht bis sie da waren um dann festzustellen, dass dort auch nicht nur Wein und Honig in den Bächen fließt. So müht man sich dann ein Leben lang … und wenn man es erreicht hat, buckelt man den Sack gleich wieder und fängt von Neuem an.

    … ich schließe daraus, dass es sich lohnt, auf dem Weg zur Erleuchtung zu sein. Es muss was dran sein 🙂
    Liebe Grüße
    Bernd

  7. Danke Dir fürs rebloggen
    Erleuchtung ist das Ziel, aber manchmal sind wir schon froh, wenn nur mal ein kleines Lichtlein brennt.
    Liebe Grüsse zentao

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert